»Einer muss das veröffentlichen!«


Thomas Ruf

Thomas Ruf im Interviewporträt:

Text: Axel Jost, veröffentlicht im Magazin „Hörerlebnis“ Nr. 73


Ein gutes Jahr habe ich benötigt, bis ich das Interview mit Thomas Ruf endlich komplett "im Kasten" hatte. Viele Telefonate, EMails, persönliche Begegnungen hat es gebraucht, bis ich Ihnen, liebe Hörerlebnis-Leser, nunmehr das vollständige Interview mit dem Chef von Ruf Records präsentieren kann. Es beendet die "Ruf-Records"-Trilogie, die in Ausgabe 71 begonnen hat. Aber, ich sage das in aller Unbescheidenheit, das Warten hat sich gelohnt: Selten nur bekommt man einen so tiefen Einblick in die Mechanismen und Denkweisen der "Plattenindustrie" geboten wie hier. Für jeden, der nicht nur an der Musik, sondern auch an Hintergrundinformationen über "das Musik-Business" interessiert ist, bedeutet dieses Interview ein absolutes "Muss".


AJ: Die Ruf-Records-Compilation "Rich Man's War" war bei mir der zündende Funke für das Interview mit dir. Warum eine solche Kompilation und warum gerade in diesem Moment?

TR: Weil immer mehr Künstler, auch solche, die ansonsten versuchen, sich aus der Politik rauszuhalten, das Gefühl haben, die Dinge laufen dermaßen aus dem Ruder und in eine völlig falsche Richtung, dass dazu nicht mehr geschwiegen werden sollte. Und sie formulieren ihre Bedenken und Anregungen oder zynische Kommentare in politischen Songs. Solche Songs, die derzeit vermehrt geschrieben werden, auf einer CD zusammenzustellen, war nur ein konsequenter weiterer Schritt. Der Wunsch nach Veränderung und Kurskorrektur ist derzeit so brennend wie seit den 60ern nicht mehr.

AJ: Ich bin durchaus überrascht, dass hier der Krieg nicht nur als moralisch verwerflich gegeißelt wird, sondern sehr deutlich bereits im Titel "Rich Man's War" auf die ökonomische Dimension kriegerischer Auseinandersetzungen eingegangen wird. Das gefällt vielen Leuten bestimmt nicht. Fürchtest du nicht, dass dein Geschäft darunter leiden könnte?

TR: Nein. Ich leiste nur meinen Beitrag, weil ich fand, einer muss das veröffentlichen. Ken Bays, der damalige Chefredakteur der größten amerikanischen Blues-Zeitschrift "Blues Revue", hat diese Compilation initiiert und zusammengestellt und stieß auf große Resonanz bei den Künstlern. Aber er fand kein Label, das sich dafür interessiert hat. Er hat erst alle amerikanischen Companies abtelefoniert. Ruf war quasi der letzte auf seiner Liste. Ich habe es dann gemacht – einfach weil einer es machen musste.

AJ: Bei vielen Songs überrascht deren Aktualität. "Don't Be Afraid of the Neocons" von Norman und Nancy Blake klingt wie ein gesungener Kommentar zum aktuellen Tagesgeschehen. Viele Konsumenten heutzutage wissen vermutlich gar nicht, dass auch solche Themen Gegenstand von Pop-Musik sein können, und dass es auch und wieder "Protest- Songs" gibt?

TR: Die Bush-Jahre haben in Amerika viele Menschen aufgerüttelt, auch die Künstler. Allerdings war das Interesse der Konsumenten wie der Presse an einer weiteren "Protestcompilation" nicht nur sehr gering, sondern faktisch fast gar nicht vorhanden. Das Teil hat so gut wie nichts verkauft – ich kann demnächst einige tausend Tonträger verschenken, wenn jemand einen passenden Anlass dazu hat (lacht laut).

AJ: Bitte erzähle uns von deinen Anfängen als Musik-Manager, die wohl fast völlig im Zeichen von Luther Allison gestanden haben.

TR: Luther war in der Tat meine Initiation. Er war eines der ersten Blues Konzerte, die ich veranstaltet habe als frischgebackener Abiturient. Ich war damals in der Jugendarbeit tätig und habe einen Jugendclub geleitet. Ich habe einige Male ein Konzert in meiner damaligen Heimat im Schwarzwald mit ihm veranstaltet und war dann irgendwann plötzlich sein Agent für Deutschland. Wir waren zusammen in Deutschland erfolgreich, nach und nach ist es mir auch gelungen, ihn ins europäische Ausland zu buchen. Luther war mein Mentor, der mich in diese faszinierende Welt des Musikbusiness eingeführt hat. Ich war sein Arbeitspartner, der seine Konzerte promotet, seine Songs verlegt und später auch seine Platten vertrieben hat. Mit Luther Allison habe ich gelernt, um die Welt zu reisen und Kontakte in aller Welt zu knüpfen. Von diesem internationalen Network und der Reisefreudigkeit seines Geschäftsführers profitiert Ruf-Records heute noch. Ich denke, das ist der Bonus, den wir haben - wir können unseren Künstlern weltweit Vertrieb und Marketing anbieten. Das Reisen durch die Zeitzonen, mit den unterschiedlichsten Menschen aller Nationalitäten eine Kommunikationsebene zu finden und diese auszubauen - seiner "mission" also absolut verbunden zu bleiben, auch wenn es sich erst mal nicht auszahlt, und durch dick und dünn zu gehen - das habe ich mit Luther Allison gelernt.

AJ: Wann und wie gelang dir der Schritt vom reinen Tour-Organisator und Manager zum Besitzer eines Plattenlabels?

TR: Learning by doing. Ich habe immer das gemacht, was vor der Nase liegt, was als nächstes gebraucht wird. Erst waren es Konzerte, dann die Promotion der Konzerte, dann die neuen Songs in stetiges Einkommen verwandeln, dann Platten produzieren und deren Vertrieb organisieren. Ich habe nach und nach gelernt, was zu einer Künstlerkarriere alles dazugehört und wie man das Ganze auf die Beine stellt und sich Erfolg erarbeitet.

AJ: Ist dir der Schritt in die unternehmerische Selbständigkeit leicht gefallen? Warst du irgendwie finanziell abgesichert?

TR: (lacht verschmitzt) Meine finanzielle Absicherung war, dass ich kein Geld hatte! Ehrlich! Ich habe alle Fehler gemacht, die man machen kann. Und alles Lehrgeld selber bezahlt! Das hat sich im Laufe der Jahre summiert… Hätte ich Startkapital gehabt, hätte ich ALLES in den Sand gesetzt. Deshalb war es gut, dass ich immer nur ausgeben konnte, was wir nach und nach eingenommen haben. Ich hatte ja keine Erfahrung. Damals gab es noch keine Akademien und Studiengänge für Veranstaltungskaufleute, Eventmanager, Medien und was nicht alles... Aber dass man nicht mehr Geld ausgeben kann, als man einnimmt, ohne in Schwierigkeiten zu geraten, jedenfalls das habe ich schnell gelernt! Luther hat das Budget für die erste Platte auf Ruf- Records mit seiner Gitarre selber erspielt - auf Konzerten, die ich ihm organisierte. Sein umtriebiger Arbeitspartner war zwar fleißig, aber mittellos. Das Startkapital für die GmbH-Gründung kam vom ersten Vertrieb, LINE Records, als Vorschuss. Danke, Uwe Tessnow! Die Banken haben mir zum Glück nie wirklich Geld geliehen, deshalb haben wir auch die letzte Krise unbeschadet überstanden. Keiner kann uns also den Geldhahn zudrehen! Und noch heute läuft es so: Wenn eine CD sich verkauft, spielt sie das Geld ein, um die nächste CD zu produzieren. Ein beständiger Kreislauf von Re-Investition.

AJ: Darf man einmal fragen, wie groß ihr seid? Wie viele Mitarbeiter beschäftigst du, wie viele Büros unterhältst du?

TR: Wir haben 4 ½ feste Mitarbeiter in der Zentrale in Lindewerra. Beständige Freie Mitarbeiter mit monatlichen Zuwendungen auf Rechnungsbasis haben wir in den USA drei, und in England und Frankreich je einen. Wir haben also feste eigene Leute in allen großen Märkten.

AJ: Wie viele Künstler sind bei euch unter Vertrag, wie viele Produktionen habt ihr veröffentlicht, wie viele CDs habt ihr verkauft?

TR: Wir haben einen festen Stamm von 12 Künstlern unter Vertrag. Mehr kann ich nicht betreuen. Einen freien Platz gibt es also nur, wenn einer weggeht. Wir veröffentlichen 10 Produktionen im Jahr. Wir sind durch die Zahl der Mitarbeiter zu diesem hohen Output gezwungen - mir wäre weniger eigentlich lieber. Aber unsere Operationskosten liegen bei 10.000 CDs pro Monat. Wir müssen also mindestens 120.000 Tonträger im Jahr verkaufen, um auf unsere Kosten zu kommen. Wir sind seit 16 Jahren aktiv, haben also bisher knapp 2 Millionen Blues-CDs in diesem Zeitraum weltweit verkauft.

AJ: Darf man die Frage nach den Ruf-Records-Bestsellern stellen? Welche eurer Scheiben haben sich bislang am besten verkauft?

TR: Die letzte Studio-Scheibe von Luther Allison – "Reckless" – hat sich 75.000 mal verkauft. Walter Trout hat es auf über 50.000 pro Veröffentlichung gebracht. Jeff Healeys letzte Studio-CD "Mess of Blues" auch um die 50.000. Aber die meisten unserer Künstler schaffen so um die 10.000. Das ist für uns das Minimum. Wenn ein Künstler diese Latte auch beim zweiten oder dritten Anlauf nicht schafft, müssen wir uns von dem Künstler trennen. 10.000 klingt wenig, ist heutzutage für einen Blueskünstler aber viel. 90 Prozent, nein 95 Prozent aller Künstler (ich rede jetzt nicht von "Ruf"-Künstlern, sondern allgemein) schaffen diese Hürde nicht.

AJ: Seid ihr ein eher "europäisches" Label für den "heimischen" Markt, oder versucht ihr euch auch weltweit aufzustellen?

TR: Wir waren von Anfang an weltweit aufgestellt. Das unterscheidet Ruf von den meisten anderen europäischen Blueslabels. Unsere Konkurrenz sind ausschließlich amerikanische Labels.

AJ: Welche Vertriebs- und Kommunikationswege sind für euch am wichtigsten?

TR: Über die Konzerte der Künstler verkaufen wir etwa 20% aller CDs. Digital ebenfalls etwa 20% - aber diese Größe wird noch steigen. Traditioneller Handel inklusive Amazon noch etwa 60%. Und da ist natürlich noch die Kommunikation, also das "word of mouth". Ich war kürzlich bei einer Tournee in Australien, wo Joanne Shaw Taylor aufgetreten ist. Da waren Fans, die kamen mit ihrer CD an, und erzählten, dass Freunde in Deutschland von Joanne geschwärmt haben und sie deshalb zum Konzert gekommen sind. Wenn sich Menschen für Musik begeistern und es Freunden weitererzählen, dann wächst die Popularität eines Künstlers. Und heute im Internet- Zeitalter geht das schneller. Luther Allison hat bis zu seinem Durchbruch 30 Jahre um die Welt tingeln müssen, bis sich herumgesprochen hat, wie klasse seine Konzerte sind. Bei Joanne wird das nur 5-10 Jahre dauern. A

J: Was ist das für ein Gefühl, aus einem Dorf in der absoluten Provinz im Konzert des musikalischen Weltgeschehens recht weit vorne mitzuspielen?

TR: Mein Dorf in der Provinz ist mein Rückzugsgebiet, meine Erdung. Hier finde ich Ruhe und genieße ein Familienleben. Zumindest in der Zeit, in der ich nicht auf Tour bin (lacht).

AJ: International hat euer Label, und ja auch du persönlich, mitsamt seinen Künstlern etliche Preise gewonnen. Welcher davon ist dir der wichtigste?

TR: Der KBA-Award in Memphis war sicher ein Meilenstein. (KBA - "Keeping the Blues Alive" -AJ) Wir wurden als erstes nichtamerikanisches Label von der Bluesfoundation in Memphis für unsere Verdienste ausgezeichnet. Luther Allison hat zwei Grammy-Awards-Nominierungen bekommen. Wir haben auch mehrere Preise der deutschen Schallplattenkritik erhalten.

AJ: In unserer Redaktion herrscht der Eindruck vor, dass in den letzten Jahren die CDs allgemein immer lauter und damit klanglich immer schlechter, da komprimiert, geworden sind. High-Fideler Klang - ist das ein Thema für Thomas Ruf und seine Records?

TR: Ich würde sagen, das ist wie immer Geschmackssache. Es gibt auch Leute, die lieben harten, komprimierten Sound, besonders in Sachen gitarrenlastiger Blues-Rock. Ich finde, man sollte das nicht pauschalisieren. Wir suchen nach dem für den jeweiligen Künstler besten Sound. Walter Trout muss krachen, da passt ein komprimierter, lauter Sound bestens zur Musik. Friend'n'Fellow oder Big Daddy Wilson wiederum produzieren wir mit viel Luft und Dynamik - also eher audiophil.

AJ: Hat das Aufnehmen von und der Handel mit CDs und anderen Tonträgern auf Dauer eine Zukunft, oder wird das Netz und der Download (und der damit verbundene Erwerb) einzelner Songs das herkömmliche Plattengeschäft ablösen?

TR: Wie war das mit der LP, Totgesagte leben länger? Es werden immer mehr Parallelwelten existieren, es wird zumindest mittelfristig immer Leute geben, die gerne CD-Regale basteln oder LPs auf einen massiven Plattenspieler legen (wie zum Beispiel der gerade von dir interviewte Plattenchef). Bei der jungen Generation dominiert der Konsum von Downloads. Joanne Shaw Taylor und Oli Brown verkaufen etwa 50% ihrer Musik digital und 50% auf Tonträgern. Bei anderen Künstlern ist das Verhältnis wieder anders. Problem für Künstler und Plattenfirma gleichermaßen ist mehr der Preisverfall als die Frage, welches Medium wird dominieren, welches verschwinden. Inflationsbereinigt kostet Musik heute weniger als die Hälfte als in den 80ern, als die CD anfing. Ein Buch oder eine Pizza sind wesentlich teurer geworden, ein Album voller Songs kostet digital im Schnitt 7-9 Euro. Weniger als eine Pizza beim Italiener. Das zieht auch die CD-Preise nach unten. Was die Kunden für ein Album zu bezahlen bereit sind, ist deutlich nach unten gegangen. In den 80ern gab es Pizza für unter 10 Mark, eine CD kostete damals 30 Mark und mehr - also 3 Pizzen!

AJ: Welche Rolle werden in Zukunft optische Medien - wie zum Beispiel Blue-Ray- DVDs - für das Musik-Business spielen?

TR: So gut wie keine. Der Verkauf von Musik-DVDs sinkt kontinuierlich.

AJ: Apropos Platten: Bob Brozmans CD "Post Industrial Blues" sieht wie eine kleine LP aus, inklusive schwarzer Unterseite (!). Und Vinyl ist ja bereits ein Thema für euch geworden. Bitte erzähle uns etwas darüber!

TR: Die Vinyl-CD ist inzwischen zum Markenzeichen für Ruf-CDs geworden. Wir wollen damit die gefertigte CD zu etwas Besonderem machen. Vinyl-Auflagen sind geplant, das ist mir ein persönliches Anliegen. Dass das bisher noch kaum umgesetzt ist, ist leider ein Zeitproblem. Eines meiner vielen Projekte, die ich gerne verwirklichen möchte , aber wozu ich im Trubel des Tagesgeschäfts einfach noch nicht gekommen bin.

AJ: Euer Slogan "Where Blues crosses over" klingt verdammt cool - aber was genau ist damit gemeint?

TR: Unsere Konkurrenz - pardon, unsere befreundeten Mitbewerber - sind hauptsächlich amerikanische Firmen. Wir überlassen es denen, die traditionellen Künstler zu signen, die heute den Blues spielen, wie er in den 50ern oder 60ern gespielt wurde. Manche nennen das authentischen Blues. Wir wollen den Blues vorantreiben; unsere jungen Künstler spielen einen neuen Blues, stilistisch mit allen benachbarten Stilen wie Rock, Soul oder Worldmusic, wie beispielsweise im Falle Bob Brozman - vermischt. Bei uns wird der Blues ständig verändert und erneuert. Keiner kann das Rad neu erfinden, auch nicht den Blues - wohl aber neue, persönliche Spielarten entwickeln, statt alte Stile bis zum Erbrechen kopieren und wiederholen…

AJ: Ich persönlich finde es sehr positiv, dass ihr nicht nur amerikanischen oder englischen Musikern eine Chance gebt, sondern zum Beispiel auch im Norden Europas (Erja Lyytinnen) oder sogar hierzulande (Friend'n'- Fellow) fündig werdet. Steckt da auch eine Art Masterplan dahinter, oder basiert euer "Stall" an Künstlern eher auf Zufällen?

TR: Unsere Künstler ziehen wiederum andere Künstler an. Nachdem die ersten Gitarrenladies wie Sue Foley und Ana Popovic bei Ruf unterschrieben haben, laufen uns plötzlich ständig neue Gitarrenmädels zu. (Und aus demselben Grund liefen uns einige der langjährigen männlichen Ruf-Künstler davon - kein Witz!) Ich möchte gerne den europäischen Blues mehr fördern, weil es in Europa erstklassige und eigenständige Bands gibt, die sich vor keiner professionellen Ami- Truppe zu verstecken brauchen. Aber wir sind damit fast jedes Mal auf die - pardon - Schnauze gefallen. Deutsche Bluesbands sind in Spanien, Italien, Frankreich und so weiter fast unverkäuflich. Und umgekehrt. Europäische Künstler haben meistens nur nationale Karrierechancen. Das würde ich gerne ändern, besonders auch, um die amerikanische Dominanz etwas zu brechen. In einigen Ausnahmefällen ist mir das gelungen wie zum Beispiel mit Ana Popovic oder Erja Lyytinen.

AJ: Die, verzeih bitte das Wort "Frauenförderung" scheint dir besonders am Herzen zu liegen, man denke nur einmal an die vielen Musikerinnen auf eurem Label. Bist du ein Kämpfer für die Emanzipation - oder ist es einfach nur ein unnachahmliches Gefühl, gemeinsam mit einer Stromgitarre spielenden Blues-Lady in einer weißen Stretch-Limousine zu einer Preisverleihung zu reisen?

TR: Hahahahaha! Du hast mich also gesehen, wie ich damals mit Ana Popovic in einer Stretch-Limo durch Memphis zu den Blues Awards gefahren bin, in dem Jahr, als sie nominiert war. In jenem Jahr hat ein Autosponsor Stretch-Limos für die Künstler zur Verfügung gestellt. Dabei sind die Dinger wirklich sehr unbequem und behäbig in ihrer Fortbewegung. Mr. Ruf bevorzugt definitiv sein geliebtes Fahrrad! Allerdings hat es die Dame aus Serbien sehr genossen - für sie war es so etwas wie die Erfüllung eines amerikanischen Traums… Nachdem sich die ersten Frauen bei Ruf respektiert und gut behandelt fanden, scheint es sich, wie man ja sieht, unter den Musikerinnen rumgesprochen zu haben. 50 Prozent des Ruf-Künstlerstammes sind inzwischen weiblich - entspricht also einfach dem natürlichen Frauenanteil in der Bevölkerung. Übrigens hoffe ich auf entsprechende Effekte und wachsenden Frauenanteil im bevorzugt männlichen Bluespublikum.

AJ: Ein Weg, eure Musik und eure Künstler den Menschen nahe zu bringen, sind die Tourneen, die unter dem Titel "BluesCaravan" laufen. Ist dieser Weg bisher erfolgreich gewesen? Wird der BluesCaravan auch in den nächsten Jahren durch die Lande reisen?

TR: BluesCaravan ist eine sehr erfolgreiche Marke geworden. Geboren aus der Notwendigkeit heraus, eine Package-Tour für unsere neuen Künstler zu schaffen, die als unbekannte Größen selber nicht auf Tour gehen können, weil kein Club sie buchen würde, da sie noch kein Publikum ziehen. Beim BluesCaravan ist die Marke und die Art der Show, was Leute zieht. Deshalb kann ich im Rahmen des BluesCaravan die neuen Künstler präsentieren. Ohne ausreichend Auftritte kann ein Künstler keine CDs verkaufen. Neue Künstler aufzubauen ist schwer geworden und erfordert einen langen Atem… Deshalb werden die Caravane unermüdlich weiterziehen - im Auftrage des Blues…

AJ: Wie kommst du überhaupt an deine Musiker? Schicken sie zum Beispiel immer noch Bänder ein? Oder hängst du in verräucherten Nachtclubs rum und hältst dabei nach hoffnungsvollen Newcomern Ausschau?

TR: So stellt man sich das vor, ich weiß. Realität ist aber, dass wir arbeitszeitmäßig einfach nicht mehr als 10-12 Künstler effektiv weltweit betreuen können. Zumal wir neben der Labelarbeit mit Produktion, Herstellung, Vertrieb, Marketing, Promotion, Export und so weiter ja auch in den Bereichen Verlag, Tourneegeschäft und Management aktiv sind. Ich glaube, heute nennt man das modernerweise 360-Grad-Betreuung. Wir signen Künstler für mindestens 3 Alben, das bedeuteteinen 5-Jahre-Arbeitsplan. Die meisten bleiben länger und liefern noch mehr Alben ab, auch nach Ablauf des Grundvertrages. Somit ist die Anzahl aktiver Künstler bei uns begrenzt - nur wenn einer geht, wird ein Platz für einen neuen frei. Für jeden freien Platz gibt's eine Vielzahl von Bewerbern. Meistens höre ich von einem herausragenden Neutalent durch andere Künstler oder befreundete Festivalpromoter, Agenten, Manager. Oder ich suche aktiv, wenn ich einen Platzhirsch mit großem Verkaufsvolumen, wie zum Beispiel Walter Trout, der uns verlässt, ersetzen muss. So kam dann Coco Montoya zu uns - der war zur richtigen Zeit auf der Suche nach einem neuen Partner.

AJ: Gibt es noch Musiker, die du gerne verlegen würdest, die aber noch anderswo unter Vertag sind? Welche wären dies und warum?

TR: Eric Burdon - diese alte Liebe aus meiner Jugendzeit hätte ich sehr gerne gehabt und aktiv um ihn geworben. Konnte dann aber nicht mit dem Konkurrenzangebot mithalten. Wir können es uns nicht leisten uns finanziell zu überheben.

AJ: Ist es schmerzlich, wenn ein Künstler dein Label wieder verlässt, nachdem er durch euch zu Ruhm und Erfolg gekommen ist? Ich denke da etwa an Ana Popovic.

TR: Ja, die gute Ana war schon ein spezieller Fall. Sie war anfangs sogar bei uns fest angestellt, da sie anders keine Arbeitserlaubnis in der EU bekommen konnte. Wir haben uns um ihre Papiere, Arbeitsgenehmigungen, Versicherung und so weiter gekümmert und ihr ein monatliches Gehalt gezahlt. Und es tatsächlich geschafft, sie in Amerika zu platzieren und aufzubauen. War ein schönes Stück Arbeit… Ana ist manchmal ein unzufriedener Mensch und tendiert dazu, zu sehr zu sehen, was sie nicht hat. Dankbarkeit und Freude zu entwickeln über das, was uns gegeben ist, statt Unzufriedenheit unser Leben versauern zu lassen, das ist eine allgemeine Lektion, die eigentlich jeder Mensch lernen muss, wenn er glücklich werden will. Ich bin mir sicher, Ana denkt heute auch ähnlich. Sie wollte ein richtiger (Pop-)Star werden und hat geglaubt, die Blueswelt und Ruf-Records seien eine Einschränkung ihrer Möglichkeiten. Allerdings hat sie uns nicht verlassen – der Vertrag lief aus, und ich habe ihr kein Angebot, ihn weiterzuführen, unterbreitet, weil ich keine unzufriedenen Künstler im Hause haben will.

AJ: Mit Jeff Healey ist nach Luther Allison kürzlich ein zweiter Künstler gestorben, der für die Insider zu den ganz Großen zählte und möglicherweise kurz vor einem Comeback bei einem Massenpublikum stand. Wie geht man als Plattenfirma mit einem solchen Verlust um?

TR: Tja, was soll ich dazu sagen. Luther Allison - unser Gründungskünstler - ist uns weggestorben, Jeff Healey später ebenso. Mit gezielter Tourneearbeit hätten wir Jeff wieder ganz nach oben gebracht, da bin ich mir sicher. Und wir brauchen unbedingt wieder einen Headliner, keine Frage. Nur von Zeit und Geld verschlingenden neuen Künstlern kann keine Firma dauerhaft existieren. Ohne Headliner ist "kleine Brötchen backen" angesagt. Aber Oli Brown und Joanne Shaw Taylor entwickeln sich und verkaufen sehr gut - das sind unsere Headliner von morgen!

AJ: Welchen Stellenwert haben Oldies wie etwa Canned Heat oder Robin Trower (ex Procol Harum) in eurem Katalog? Persönliche Liebhaberei des Chefs oder Zugpferde für ein breites Publikum?

TR: Eigentlich weder noch. Beide Künstler sind keine Headliner mehr, haben aber noch eine solide Fanbase. Und was noch wichtiger ist: einen guten Markennamen. Wenn Leute, die keine Blues-Experten sind, nach unseren Künstlern fragen und ich diese aufzähle, kommt dann allgemein erst bei dem Namen Canned Heat ein Aha-Effekt - o ja, kenne ich, Woodstock, wow - das sind Namen, die dem Rockpublikum geläufig sind. Die brauchen wir als Wiedererkennung bei einem größeren Publikum, denen wir unsere neuen Namen vorstellen wollen... Ich denke, was es macht, ist die Mischung. Alte bekannte und frische neue Pferde in einem Stall ergeben eine gesunde Herde (lacht).

AJ: Obwohl das "Hörerlebnis" immer wieder auf Ruf-Records-Künstler aufmerksam gemacht hat, werden viele Leser eure Veröffentlichungen dennoch nicht kennen. Welchen Weg, euch kennenzulernen, würdest du Interessierten als Einstieg empfehlen?

TR: Am einfachsten natürlich über die Website www.rufrecords.de: Dort man kann einzelne Tracks neuer CD-Veröffentlichungen anhören. Oder für 5 Euro unseren neuen Labelsampler mit Katalog bestellen, mit 10 Tracks aus 10 aktuellen CDs als Kostprobe.

AJ: Thomas, ganz herzlichen Dank für dieses Interview und weiterhin viel Erfolg für dich und deine Künstler! AJ